Das Ich wächst am Du (Antwort auf: Gefühl Du Dummes Ding)

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Jeanette Diese Gedanken beschäftigen mich, seit ich sie gelesen habe. Trotzdem bin ich so ratlos wie zuvor. Jetzt möchte ich dich fragen, da ja seit Juni auch ein bisschen Zeit vergangen ist: Hast du mittlerweile eine Erklärung für dieses Phänomen? Oder eine Idee, wie man anders damit umgehen kann?

Wenn wir uns und diese Welt mal genauer und von außen bertachten, fällt auf das die Zeit in der wir leben, ganz schön verstörend ist. Wir leben in einer Spaß-Gesellschaft. Wirkliche Werte sind uns mit der Zeit abhanden gekommen. Uns fehlt das Grundfundament und der Blick auf das was man Menschlichkeit nennt. Wir sind die Oberflächlichkeit und diese Rückratlosigkeit dieser Zeit dermaßen gewöhnt, dass es uns schwer fällt die mit mühe erbauten Fassaden einzureissen. Wir wollen uns ja nicht bewusst angreifbar machen.

Wenn ich an die Zeit unserer Großeltern denke, wird das noch bewusster. Ich kenne Paare aus dieser Zeit, die warscheinlich schon seit der Sintflut zusammen sind. Sie haben höhen und tiefen miteinander erlebt, Kriesen überwunden und stehen nach wie vor zueinander. – Klar, kommt im ersten Moment der Gedanke auf, dass das gewiss daran liegt das man immer älter wird und die Chancen sinken jemand anderes kennen zu lernen. Man will ja auch nicht ewig alleine bleiben. Außerdem hat man sich ja auch an einander gewöhnt. Und dann die Frage, will man sich wirklich die mühe machen nochmal ganz von vorne zu starten und sich auf etwas neues einlassen?
Ich denke aber, diese Generation hat viel durchgemacht. Sie hat gelernt, mit wenig auszukommen und sich mit kleinen Dingen zufrieden zu geben. Diese Generation hat noch den Mut für was zu kämpfen. Sie mussten lernen Dinge zu reparieren anstatt sie einfach wegzuwerfen.

Wir hingegen gehören zur Wegwerfgesellschaft. Ist unser TV aus der Mode kaufen wir halt ein neueres Modell. Gefällt uns unser intakte Einrichtung nicht mehr, weg damit was neues muss her. Der Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, aber die neuste Kollektion ist ja schon draußen – die muss ich haben. Das Handy oder der Pc gefällt nicht mehr, sobald der Lohn kommt ersetze ich dieses. Ersetzen, ersetzen, ersetzen…

Das was wirklich traurig ist, ist das wir nicht nur Gegenstände ständig neu ersetzen, wir ersetzen uns auch gegenseitig stetig neu.
Mein Partner entwickelt sich nicht nach meiner Vorstellung. Weg damit.
Meine langjährige Freundin steckt gerade in einer Lebenskriese und ich kann mir ihr gejammer nicht mehr anhören, weil es mir gerade ganz gut geht. Weg damit.
Mein bester Kumpel hat ne neue Freundin und hat keinen bock auf Party, ich will aber feiern, also weg damit.
Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen.

Das was uns in dieser Zeit wirklich fehlt sind wahre Werte und der Mut zur Menschlichkeit. Es hilft uns dabei nicht, darauf zu achten was der Nachbar tut und wie er sich verhält. Wir müssen bei uns anfangen. Wir müssen uns anfangen zu fragen, was wir persönlich als wichtig und unwichtig erachten. Wie wir uns unser schönes Leben vorstellen. Was wir mit uns machen lassen und was nicht und inwieweit wir das zulassen. Wir müssen uns auch vor Augen halten, das wir es erlernt haben zu Leiden und das wir dieses auch gerne tun – wenn auch unterbewusst. Der Mensch ist und war schon immer ein leidendes Wesen. Er suhlt sich im Selbstmitleid.
Es ist auch wichtig zu erkennen, dass das die Zwänge sind, die wir uns selber schaffen – und das lässt sich eigentlich auf jede Lebenslage beziehen, die wir als unschön empfinden.

Es liegt an uns was daran zu ändern. Daran Grenzen zu ziehen, was wir mit uns machen lassen und was nicht. Daran wie wir sein möchten und wie wir mit anderen umgehen möchten. Im Grunde möchten wir doch alle eins: Wir möchten ein guter Mensch sein und auch als solcher behandelt werden.

Warum ziehen wir also Mauern und Grenzen um uns herrum?

Ist es nicht schön um anderer Schwächen zu wissen, damit man sich nicht selbst wie das einzige Alien auf diesem Planeten vorkommt? Total befrämdlich und deplatziert.
Ist es nicht befreiend, eigene Schwächen einzuräumen und nicht immer den Schein wahren zu müssen unantastbar zu sein?

Wir wissen doch eigentlich ziehmlich genau, das niemand vollkommen ist. Wir alle empfinden Angst und sind verletzlich. Wir alle sind angeschlagen von dem Leben in dieser Welt mit dieser Ellenbogen-Gesellschaft . Wir gehen nur unterschiedlich damit um. Manch einer bleibt auf halber Strecke entmutigt liegen. Ein anderer kann mehr schläge einstecken, steigt über den Liegengebliebenen hinweg und läuft den Weg einfach weiter. Und dann gibt es den, der dem Liegengebliebenen die Hand reicht…

Ich will damit nur sagen, das ich mir nicht anmaßen will zu behaupten, das alle so unglaublich oberflächlich und rückratslos sind. Das wäre auch völlig Falsch.
Es gibt sie noch diese wunderbar besonderen Menschen. Die, die sehr sensiebel ihre Umwelt und sich selbst wahr nehemen. Menschen, die ihre Menschlichkeit bewart haben. Doch leider sind diese Menschen so vereinzelt auf diesem Planeten verstreut. Man muss sich wirklich die mühe machen und die Masse fein aussieben um diese zu erkennen. Aber es Lohnt sich. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, diese dann bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit wieder auszutauschen.

Vielleicht müssen wir einfach lernen, abzuwägen wann es wert ist auf etwas zu beharren und wann wir den unteren Weg gehen und die Dinge einfach mal so hinnehmen wie sie sind.
Ich meine damit, vieles ist es nicht wert, das wir uns drüber aufregen und einen Streit riskieren. Du magst blau und ich lieber schwarz. – Und? Es ist doch egal. Du bist halt du, ich bin ich und zusammen sind wir wir.

Wir sollten mutiger und aufrichtiger mit uns und unserem Gegenüber umgehen. Wir sollten uns zugestehen nicht immer stark sein zu müssen. Gefühle offen darzu legen. Wir sollten auch den Anderen einfach mal so sein lassen wie er ist. Wir sollten uns darüber freuen können, wenn jemand den Mut aufbringt sich zu öffnen und drauf achten, dieses nicht in irgendeiner Form abzuwerten.

Ich weiß es ist verdammt schwer, die Schotten einfach mal fallen zu lassen und sich auf das große Unbekannte einzulassen. Gerade auch weil die ohnehin schon so zerbombte Seele einer weiteren potentziellen Verletzung ausgesetzt wird. Aber es könnte auch die große Chance sein, alte Wunden endlich verheilen zu lassen. Wir müssen uns nur zutrauen über unseren Schatten springen zukönnen. Was unser Gegenüber dann damit macht liegt in seiner Hand – und wir entscheiden dann zum Schluss.

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Veröffentlicht am 9. August 2014 in Gedankenkammer und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Das sind Gedanken, die ich teile.
    Herzlich willkommen in meinem Garten, Du bist ein sehr gern gesehener Gast.
    Liebe Grüße, Arabella

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  2. Gute Gedanken. Sind meinen sehr ähnlich. Offen sein ist eine wunderschöne Art durch’s Leben zu gehen.
    Wenn ich auch oft genug gegen Granit laufe. Das kann schon weh tun. Aber auch daran wächst der Mensch.

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  3. Keine Ahnung, wie lange Kommentare sein dürfen, denn dieser wird laaang… Ich versuche es mal:

    Grundsätzlich hat meine Frage auf das Herkumkreisen um eine bestimmte Person, eben weil sie einem zu nahe geht, abgezielt. Aber ich denke, auch die allgemeine Betrachtung der Gesellschaft und der Problematik, heutzutage Gefühle zu zeigen, ist wichtig, um dieses Phänomen zu verstehen.

    Denn ja, es stimmt, wir leben in einer oberflächlichen Gesellschaft. Trotzdem reicht für mich diese Erklärung nicht ganz, warum wir nicht zu unseren Gefühlen stehen können, wenn wir merken, dass die Gefühle WIRKLICH tief gehen. Denn zumindest ich verstehe mich nicht als oberflächlich und ich habe auch kaum oberflächliche Leute in meinem Freundeskreis. Ich habe eine langjährige Beziehung, langjährige Freundschaften, bin in einer intakten Familie aufgewachsen. Ich kenne das Thema Wegwerfen (so, wie du es beschreibst) in meinem Leben nicht (und denke, dass gerade das ein Problem ist, weil ich z.B. eine grosse Trennungs- und Verlustangst habe). Und trotzdem fällt es mir extrem schwer, fremden Leuten gegenüber meine Gefühle zu zeigen, gerade dann, wenn mir diese Menschen mehr bedeuten, obwohl sie mir eigentlich fremd sind. Warum kann ich dann nicht zu meinen Gefühlen stehen und gebe mich cool? Was habe ich denn zu verlieren, da ich sie ja eigentlich noch nicht kenne? Warum habe ich dann Angst, mich blosszustellen? Das kann ich mit der Oberflächlichkeit der Gesellschaft nicht beantworten.

    Dein Beispiel mit den Grosseltern reicht für mich nicht. Es war eine ganz andere Zeit, von daher stimmt dein Vergleich, aber: Man war auch nicht so frei wie heute, wirklich aus Liebe eine Beziehung einzugehen. Natürlich gab es das auch, aber vieles waren Zweckgemeinschaften – die im Übrigen auch noch weiterbestanden, obwohl es nicht funktioniert hat und schlimme Dinge vorgefallen sind, einfach weil man sich nicht trennte. Ob das besser war als heute? Ich denke, dass es damals genauso schwierig (wenn nicht schwieriger) war, zu seinen wahren Gefühlen zu stehen. Zwar wurden Dinge repariert, das ist richtig, und das sollte heute auch wieder vermehrt gemacht werden, allerdings auch wirklich unbrauchbare Dinge nicht weggeworfen und stur daran festgehalten. Und auch eine andere Frage taucht da bei mir auf: Ist es wirklich richtig, einfach zufrieden zu sein? Reicht gerade in der Liebe ein „Zufrieden-sein“? Bleibt ein Zufrieden nicht auch nur oberflächlich?

    Ich habe nämlich genau dann Mühe, meine Gefühle zu zeigen, wenn ich merke, dass es über ein Zufrieden hinausgeht. Dass es wirklich ein Risiko bedeutet, weil mein Glück oder Unglück davon abhängt. Beim einfachen Zufrieden habe ich diese Probleme nicht. Da habe ich nicht so viel zu verlieren.

    Worin ich dir absolut zustimme und vielleicht auch eine Erklärung für mich zu finden ist, ist das Thema Leiden. Es kann sein, dass wir gerne leiden, aber nur, wenn wir das Leiden kontrollieren können. Wenn es unser uns selbst zugefügtes Leiden ist. Denn mal angenommen: Wenn ich das Risiko nicht eingehe, einer Person meine Gefühle zu gestehen, dann leide ich zwar auch unter der unerfüllten Liebe, aber ich habe mir dieses Leiden selbst zugefügt und habe eine gewisse Kontrolle darüber. Würde ich meine Gefühle gestehen und die andere Person erwidert sie nicht – dann ist das Leiden fremdbestimmt und ich kann nichts mehr kontrollieren, mir nicht mehr einreden, dass ich etwas daran ändern könnte. Du schreibst: „Wir müssen uns nur zutrauen über unseren Schatten springen zukönnen. Was unser Gegenüber dann damit macht liegt in seiner Hand – und wir entscheiden dann zum Schluss.“ Wirklich, können wir zum Schluss entscheiden? Welche Entscheidung bleibt dann noch?

    Du schreibst auch, wir sollten mutiger und aufrichtiger sein. Das versuche ich, mache es auch – nur um dann wieder einen Rückzieher zu machen und dem anderen zu verstehen zu geben, dass es mir dann doch nicht soooo wichtig ist. Und das, noch bevor ich ihm die Chance gegeben habe, sich zu öffenen – einfach, weil die Angst grösser ist. Angst vor einem Leiden, dass schlimmer und grösser ist als ein langes Leiden, dass zwar auch ein Leiden ist, ich aber aushalten und die Dosierung kontrollieren kann.

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  4. Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen und stimme in vielem zu. Das wichtigste für mich ist,dass jeder bei sich selbst schauen muss und anfangen und zwar im hier jetzt, das ist die zur Zeit “moderne” Achtsamkeit. Ich selber gehe seit 25 Jahren in eine Selbsthilfe-Gruppe und von daher ist mir die Beschäftigung mit solchen Gedanken nicht fremd, sondern gehört zum Tagesprogramm, und es tut mir gut, wenn ich sehe, dass auch andere sich damit auseinander setzen, das ist ein guter Anfang für Veränderung in unserer Gesellschaft. liebe Grüße Marlies

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  5. Nähe und Distanz sind zwei Begriffe, die mir bei diesen Gedanken in den Sinn kommen.
    Nähe erleben wollen wohl alle Menschen.
    Und es ist ja auch schön, Nähe zu empfangen. Und damit meine ich nicht nur räumliche oder gar körperliche Nähe (obwohl auch das was sehr schönes sein kann).
    Nähe zu schenken ist dabei genau so wichtig.
    Richtig kann man die Nähe allerdings nur dann erleben und sich dran freuen, wenn man dabei die notwendige Distanz wahrt.
    Achtsam und behutsam mit einander umgehen mit Nähe und Distanz ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelingendes Leben.

    nur mal so …

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